Jennifer Taylor – autolos – wohnt in einem „verkehrsarmen Wohngebiet‟ (Low Traffic Neighbourhood – LTN) im Londoner Bezirk Enfield. Was hat das mit Wilmersdorf zu tun?

Im folgenden Beitrag nennt sie einige ihrer Eindrücke von diesem Konzept zur Einschränkung des motorisierten Fahrzeugverkehrs, das es – unterschiedlich bezeichnet und ausgestaltet – in verschiedenen Ländern gibt: neben LTN in London z.B. auch als Ville du Quart d’heure in Paris, Superilles in Barcelona oder Kiezblock in Berlin. Wie solch ein Kiezblock gestaltet sein kann, zeigt diese Karte aus dem Bezirk Mitte.
Im Mai 2025 beendete der Senat weitere Zuschüsse für die Schaffung der umstrittenen Kiezblocks in Mitte und anderen Bezirken. Diese sind jedoch auf zusätzliche Steuergelder angewiesen, da Gutachten, Straßenumbauten, Verkehrsschilder, rot-weiße Pollerreihen und Farbe für die Fahrbahn zu beträchtlichen Kosten führen (im Bezirk Mitte 3,1 Mio € für 12 neue Kiezblocks plus zwei zusätzliche Stellen in der Verwaltung).
Die englische Originalfassung des Beitrags findet sich im Anschluß an die Übersetzung.
Eine Ergänzung vom September 2025 findet sich am Ende der beiden Textversionen.
Während der Covid-Zeit, als Fragen der Verkehrssteuerung das letzte waren, was den Menschen Sorgen bereitete, wachten die Bewohner vieler Londoner Bezirke auf und mußten feststellen, daß die Zufahrt zu ihrem Viertel mit geschmackvollen Pflanzkübeln versperrt war. Für Kraftfahrzeuge gab es nur noch einen Zuweg – meist ein Umweg. Es wurden verkehrsarme Wohngebiete geschaffen, um Autofahrer von Kurzstreckenfahrten abzuhalten. Stattdessen wurden sie aufgefordert, das Auto zu Hause stehenzulassen und zu Fuß zu gehen, mit dem Fahrrad zu fahren oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.
Dieser löbliche Versuch, die Luftqualität zu verbessern, hat Vorteile und Nachteile. Es ist noch nicht geklärt, ob erstere schwerer wiegen als letztere. Die verkehrsberuhigten Straßen befinden sich im begehrteren Teil des Bezirks, und es stimmt, daß weniger Verkehr ein attraktiveres Umfeld für Radfahrer bedeutet. Allerdings wird der verdrängte Verkehr auf die Hauptstraßen gelenkt, an denen die ärmere Bevölkerung wohnt, wodurch sich die Luftqualität in diesen Gebieten verschlechtert. Und man muß zugeben, daß auf eine Person, die davon abgehalten wird, das Auto zu benutzen, neun kommen, die weiterhin mit dem Auto fahren und deren Fahrten aufgrund der Umwege, die sie nehmen müssen, länger werden, was zur Verbrennung von mehr fossilen Brennstoffen führt. Die Eintreffzeiten von Krankenwagen und Rettungsdiensten verlängern sich, da es nicht immer möglich ist, die Schranken zu passieren. In ein oder zwei Stadtteilen (z. B. West Dulwich) konnten die Anwohner die Regelung rückgängig machen, aber in den meisten blieb die Regelung bestehen. An einigen Stellen wurden mit hohen Kosten Fahrradständer errichtet, aber das allein scheint das Radfahren nicht gefördert zu haben, wie das Bild des leeren Fahrradständers zeigt. Ist dies ein Beispiel für unangebrachten Optimismus, trotz des viel versprechenden Slogans?
Ergänzung vom September 2025:
In der Ausgabe der Zeitung The Times vom Mittwoch, dem 17. September 2025, berichtete Andrew Ellison, daß die Londoner Verkehrsbehörde Transport for London, die vom Londoner Bürgermeister Sadiq Khan kontrolliert wird, eine Studie der University of Westminster zum Thema „Reisen und Orte“ unterdrückt habe, die zu dem Schluß kam, daß „verkehrsarme Wohngebiete‟ (Low Traffic Neighbourhoods – LTNs) zwar das Radfahren förderten, aber nicht zu einer Verringerung des Autoverkehrs führten. Diese Entscheidung zur Unterdrückung wurde vermutlich getroffen, weil der Bürgermeister lange Zeit argumentiert hatte, daß einer der Vorteile von LTNs darin bestehe, die Autonutzung zu reduzieren, und die Studie daher seinen Argumenten zur Unterstützung des Programms widersprach.
Ergänzung vom Oktober 2025: Straßenmalerei im Namen von LTN

Low Traffic Neighbourhoods
During covid, when traffic management was the last thing on their minds, residents in many London boroughs woke up to find that entrance to their roads was blocked by tasteful planters. Access by motor vehicles was by one route only – usually a circuitous one. So were created Low Traffic Neighbourhoods (LTNs), with the aim of discouraging motorists from making short journeys. They were told to leave the car at home and walk, cycle or take public transport instead.
This laudable attempt to improve air quality had advantages and disadvantages. The jury is still out on whether the former outweigh the latter. The streets where traffic was discouraged were in the more desirable part of the borough, and it is true that less traffic meant a more attractive environment for cycling. However, the displaced traffic was funnelled onto the main roads where the poorer people live, so decreasing the air quality in those areas. And it must be admitted that for one person discouraged from taking the car, there were nine who persisted, and their journeys became longer because of the circuitous routes they were forced to take, so encouraging the burning of more fossil fuels. Ambulances and the emergency services had their response times increased, as it was not always possible to drive through the barriers. In one or two districts (for example, West Dulwich) the residents have succeeded in reversing the legislation, but in most the arrangement persists. In some places cycle stands were erected at great expense, but this in itself does not seem to have encouraged cycling, as the image of the empty cycle stand testifies. Is this an example of misplaced optimism, despite the encouraging slogan.
Update September 2025:
In The TImes of Wednesday, 17 September Andrew Ellison reported that Transport for London, which is controlled by the Mayor of London Sadiq Khan, suppressed a Travel and Places Study by the University of Westminster which concluded that while LTNs encouraged cycling, they did not reduce car use. This decision was presumably taken because the Mayor had long argued that one of the advantages of LTNs would be to reduce car use, and the study therefore contradicted the points he had been making in support of the scheme.
Vielen Dank für die angenehm sachliche Beleuchtung von „Für und Wider“ der Kiezblocks!
Doch scheint das „Wider“ zu überwiegen: Der Verkehr wird nicht unmittelbar reduziert, aber die Privilegierung der Nebenstraßen wird zu Lasten der Hauptstraßen noch weiter vertieft – das genaue Gegenteil von Umweltgerechtigkeit.
Solche Maßnahmen – wie auch die Möblierung des Straßenraums mit Parklets, Blumenkübeln, Hochbeeten usw – wirken hauptsächlich als „Behinderung“ und sind kostspielig, ohne selbst einen effektiven, sichtbaren Beitrag zum natürlichen Klimaschutz, Ressourcenschonung, Artenvielfalt usw. zu leisten. In Summe nicht nachhaltig.
Wohingegen die Rückkehr zu parallel parkenden Autos (anstatt von quer oder diagonal, weit in den Bürgersteig hineinragend) und der flächendeckendeckende Ausbau der Straßenbahn Raum für Entsiegelung, Begrünung und Grünvernetzung schaffen würde. Auch da wird der Raum fürs Automobil reduziert – aber verbunden mit einem sichtbaren Nutzen für alle und mit einem Alternativangebot für die Fortbewegung.
Ab 1.Dezember kommen in zahlreichen Kiezen von CW weitere Parkraumzonen hinzu.
Manch einer verspricht sich durch das Herausdrängen von Fremdparkern eine gewiße Verkehrsberuhigung.
Bald soll der gesamte Bereich innerhalb des S-Bahn Ringes betroffen sein.
Mal sehen ob es mehr als ein bezirkliches Geldeinnahme Modell ist.
Geldeinnahme?
In der Untersuchung der stadtraum Gesellschaft für Raumplanung etc. im Auftrag des BA Charlottenburg-Wilmersdorf vom 21.4.2022, in der es um die Einführung der Parkraumbewirtschaftung in den bis dahin noch nicht betroffenen 46 % der Fläche innerhalb des S-Bahnrings geht, wird allein für diese Teilfläche auf Seite 54 ein „jährlicher Überschuss ab dem 2. Betriebsjahr“ von 20,036 Millionen € errechnet – und dies bei „einem konservativen Ansatz …., bei dem von eher geringen [gemeint: durchgehend 1 €/Stunde] Einnahmen und tendenziell hohen Kosten ausgegangen wurde“ (Seite 56) (tatsächlich sind es bis zu 3 €/Stunde).
Ergänzung (3.12.2025): Der Reg. Bgm. Wegner (CDU) bestätigt voll und ganz die Vermutung, daß es bei der „Parkraumbewirtschaftung“ nicht um Umwelt u.ä. geht, sondern einfach um mehr Geld für eine pleite Stadt, das zusätzlich auch durch die Einwohnerparkausweise zu erlangen ist: „Wir haben bei den Gebühren für das Einwohnerparken die Möglichkeit, die Einnahmesituation für Berlin deutlich zu verbessern.“ Geschehen soll das durch eine „angemessene“ Erhöhung dieser Gebühren (Tagesspiegel 10.11.2025).