Die Künstlerkolonie am Breitenbachplatz wird 100 Jahre

Titelseite zu: Anna Tortajada, Der rote Block

Wer erinnert sich noch an den „Roten Block“?

In Wilmersdorf gibt es viel zu entdecken. Wer am Breitenbachplatz aus dem U-Bahnhof kommt, ahnt oft nicht, dass sich hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert ein interessantes Kapitel der wechselvollen Geschichte Berlins abgespielt hat. Entlang dem Südwestkorso in Richtung Bundesplatz befindet sich auf der rechten Seite ein denkmalgeschützter Gebäudekomplex, der auf den ersten Blick unscheinbar daherkommt. Es lohnt, ihn näher zu erkunden. Auffällig ist die Anzahl an Gedenkplaketten an vielen Hauseingängen. Sie weisen auf ein großes erfolgreiches Sozialprojekt der 1920er Jahre hin.

Vor nun fast genau 100 Jahren, im Jahr 1927, zur Zeit der Weimarer Republik, wurde hier der Grundstein für die Künstlerkolonie in Berlin-Wilmersdorf gelegt. Sie war eine gemeinsame Sozialinitiative der damaligen Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller (SDS) mit dem Ziel, günstige Mietwohnungen für ihre Mitglieder zu schaffen. In den folgenden Jahren wurden drei der vier geplanten Wohnblöcke errichtet. Hunderte von Künstlern und ihre Familien fanden dort ein würdiges Zuhause. In den unruhigen Zeiten der Wirtschaftskrise und der beginnenden Rechtsradikalisierung in der Politik, die zur Machtergreifung von Adolf Hitler führten, erhielt die Künstlerkolonie den Beinamen ‚Der rote Block‘, da ein Großteil der Bewohner sich im linken politischen Spektrum positionierte und engagierte. Es kam zu Verfolgungen, und nach einer großen Razzia im März 1933 tauchten viele Bewohner unter oder flohen ins Exil, von wo aus sie weiter gegen den Faschismus in Europa kämpften. Ein Gutteil derjenigen, die nach dem Krieg zurückkamen, leisteten wichtige Beiträge zum Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Deutschland. Viele Namen und ihr Kampf gegen den Nationalsozialismus sind in Vergessenheit geraten. Einige damalige Bewohner wie Brigitte Helm (der Star in dem Film „Metropolis“), die Schriftstellerin Dinah Nelken („Ich an Dich“), die Fotografin Eva Kemlein, Ernst Busch („Barrikaden-Tauber“), der Komponist Stefan Wolpe oder der Journalist und Schriftsteller Alfred Kantorowicz dürften allerdings so manchem Berliner nicht unbekannt sein.

Nach Jahren der Beschäftigung mit den Lebensgeschichten der ehemaligen Bewohner des „Roten Blocks“ hat die Schriftstellerin Anna Tortajada ein Buch veröffentlicht, in dem neben den fiktiven Charakteren, die den Leitfaden des Romans bilden, in der Handlung auch exemplarisch einige der echten Bewohner jener Zeit und ihre Schicksale auftauchen. Es hätte den Rahmen eines Romans aber bei weitem gesprengt, wenn man allen betroffenen Bewohnern gerecht hätte werden wollen. Der rote Block, diese Szenen aus der damaligen Künstlerkolonie in dem Zeitraum von 1927 bis 1947, ist eine Annäherung an ein weitgehend vergessenes Stück Berliner Geschichte. Fast hundert Jahre nach der Gründung, kurz vor dem Jubiläumsjahr der Künstlerkolonie 2027 gibt es noch Vieles, was ans Licht gebracht werden sollte. Eine Leseprobe aus Der rote Block findet sich hier.

Eine Lesung und die dazugehörige Ausstellung werden im April 2027 im IBZ (Wiesbadener Straße 18, 14197 Berlin) präsentiert. Schauen Sie bitte im März 2027 auf die Website des IBZ für die genauen Daten.

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