Die Comenius-Schule

Links älterer Teil, rechts jüngerer Teil
Fotos: Rainer E. Klemke

Gebäude
Genaugenommen sind es zwei Gebäude. Zuerst (1897/8) entstand der Querriegel von der Gieseler- zur Sigmaringer Straße, dann (1911/12) als Anbau der langgestreckte Gebäudeteil parallel zur Gieseler- bis vor zur Brandenburgischen Straße. Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex ist viergeschossig und seine mit roten Klinkern verblendete Fassade durch Gesimse über Erdgeschoß und zweitem Obergeschoß waagrecht gegliedert.
Die Entwürfe zu beiden Gebäudeteilen stammen von Otto Herrnring und Philipp Nitze. Herrnring, Architekt, wurde 1896 Wilmersdorfer Gemeindebaurat, nach Erhebung des Dorfes zur Stadt im Jahr 1906 dann – bis zur Eingliederung in Groß-Berlin 1920 – Stadtbaurat. Zu seinen Aufgaben gehörte die Ausarbeitung von Bebauungsplänen und der Entwurf zahlreicher städtischer Gebäude, darunter auch die Birger-Forell-Schule (damals Gemeindeschule IV). (Anmerkung: Vor hundert und mehr Jahren waren die Zuständigen in der Verwaltung anerkannte Fachleute auf ihrem Gebiet, heute sind es von ihrer Partei eingesetzte Verwaltungsmenschen.) – Von Nitze, ebenfalls Architekt und häufig Herrnrings Partner, stammt u.a. die in Sichtweite der Schule liegende Feuerwache in der Gasteiner Straße (1908/09).

Nutzung
Der ältere Gebäudeteil war die Gemeindeschule I. Mit dem rasanten Wachstum auch von Wilmersdorf rund um die Reichshauptstadt nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 – als die Wilmerdorfer Einwohnerzahl von 5.000 (1890) auf 30.000 (1900) stieg – war der Ausbau des Schulwesens dringend geworden (siehe auch die wesentlich größere dritte Auenkirche von 1895/97). Mit dem weiteren Bevölkerungswachstum (1910: 110.000 Einwohner, 14-15 Gemeindeschulen) und der Entwicklung der Pädagogik wurde es zudem notwendig, sich den Schülern mit einem besonderen Unterrichtsbdarf gesondert zuzuwenden, weswegen 1911/12 an die bestehende Gemeindeschule eine „Hilfsschule‟ angebaut wurde, ein Vorläufer der heutigen Förderschule.
So befanden sich zwei Schulen in dem Gebäudekomplex, bis 2003 die Regelklassen-Grundschule an den Nikolsburger Platz verlegt und dort mit der Cäcilien-Schule verschmolzen wurde. Seitdem nimmt die sonderpädagogische Förderschule beide Gebäudeteile ein.
Die Förderschule besteht aus mehreren Zweigen: der integrativen Grundschule für Regelschüler plus je Klasse zwei autistischen Kindern (Klasse 1-6); der Sekundarstufe I für Schüler mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen und Autismus (Klasse 7-10); und Kursen (Klasse 11-12) für Schüler, die bis dahin keinen Abschluß erreicht haben oder ihn verbessern wollen.

Namensgeber
1958 erhielten die beiden Schulen neue Namen: die Gemeindeschule den von Hanns Fechner, die Hilfsschule den von Jan Comenius.
Hanns Fechner (1860-1931) lebte in Wilmersdorf (nahebei, gegenüber dem Preußenpark) und war ein anerkannter Porträtist der Berliner Gesellschaft des Kaiserreichs (Fontane, Virchow, Raabe, alle 1890er Jahre). Als er erblindete, wandte er sich der Schriftstellerei zu (Jugenderinnerungen „Spreehanns‟, 1925).
Jan Comenius (1592-1670) war ein tschechischer Philosoph, Pädagoge und evangelischer Theologe. Eine seiner zentralen Aussagen ist auf einer Gedenktafel am Gebäude an der Brandenburgischen Straße wiedergegeben: „Wer als Mensch geboren ist, soll wie ein Mensch zu leben lernen.‟

Zuerst veröffentlicht in der berlinHistory.app.

1 Kommentar zu „Die Comenius-Schule“

  1. Nadja Messerschmidt

    Lieber Michael,
    es sind immer wieder so interessante Beiträge von Dir zu lesen. Vielen vielen Dank!
    Herzlich,
    Deine „Followerin“ Nadja (Soziologin, Dr.phil.)

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