Paul Zech, Deutschland, dein Tänzer ist der Tod. Ein Tatsachen-Roman

Buchbesprechung und Bibliographie

Paul Zech (1881-1946) – einst geschätzt von Stefan Zweig; rezensiert von Robert Musil; mit Franz Kafka bekannt. Aber wer kennt ihn heute noch? Manche vielleicht als expressionistischen Dichter oder durch seine Nachdichtungen der Balladen von François Villon. Aber neben seinen Gedichten und vielen sonstigen Texten hat er auch Romane verfaßt, darunter den hier zu besprechenden: begonnen im Februar 1933 im Groß-Berlin des Reichstagsbrands, beendet 1937 in Buenos Aires im Exil, erstmals veröffentlicht ein Drittel Jahrhundert nach seinem Tod 1980 in Rudolstadt. Es ist ein Text der aus heutiger Sicht anrührenden Hoffnung auf einen baldigen Sieg des deutschen Volkes über die Nationalsozialisten: „Es sind sie alle, die versammelt sind in dem großen Kollektiv, das wir heute noch als eine illegale Gemeinschaft kennen, bald aber als das erwachte und freie Deutschland erfahren werden‟, wie es als Schlußwort heißt. Stattdessen bewahrheitete sich bekanntlich die Parole „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg‟, und die Deutschen befreiten sich nicht selbst.

Zech stellt Entstehen und Tätigkeit dieser „illegalen Gemeinschaft‟ vor, von Februar 1933 bis 1936, zum größten Teil in der Reichshauptstadt, einzelne Kapitel spielen auch im argentinischen Exil, auf Rügen und in Wuppertal. Es gibt keinen stringenten Handlungsablauf, sondern der Leser lernt zunächst in unverbundenen Episoden Menschen aus unterschiedlichen Schichten und mit unterschiedlichen politischen Einstellungen kennen und ihre Reaktion auf die terroristische Machtübernahme: Unterwerfung, Anpassung, Auflehnung, Widerstand. Die handelnden Männer und Frauen sind bürgerliche Intellektuelle, Arbeiter, gewalttätige SA-Leute und eizelne andere, die sich enttäuscht von der nationalsozialistischen Ideologie abwenden, sowie Exilanten. Zech zeigt den Arbeiteralltag unter dem Nationalsozialismus, der seiner Propaganda hohnspricht, Folterkeller der SA im Columbia-Haus, die Tristesse des Exils und vor allem den Widerstand, dessen Darstellung sich allmählich als zentrales Thema aus dem „locker gefügten Szenenmosaik‟ (Nachwort 1981) herausschält. Es geht um konspirative Treffs und Diskussionen über die nächste Aktion, um Druck und Verteilung von Handzetteln und Zeitungen, agitatorische Arbeit in einer Fabrik oder unter auf eine Sonderration Streichfett wartenden Hausfrauen, aber auch Folterung von aufgeflogenen Widerstandskämpfern und Flucht vor Festnahme; auch Kritik an der ganz unzureichenden politischen und organisatorischen Vorbereitung auf die Machtübernahme und an vertanen Chancen zum massenhaften Widerstand in der Anfangsphase wird geäußert.

Zech nannte seinen Roman einen „Tatsachen-Roman‟ und deutete damit an, daß er aus einer Mischung von Tatsächlichem und Erfundenem besteht. Daß der Roman eine zu optimistische Tendenz hat, wie am Schlußwort zu sehen, hat wohl einerseits mit Zechs großem Abstand zum Ort des Geschehens und seiner Fehleinschätzung der realen Möglichkeiten zu tun, andererseits mit seinen aus eigener Erfahrung gespeisten Hoffnungen. Als Titel wählte er eine Zeile aus seinem im Ersten Weltkrieg entstandenen expressionistischen Gedicht »Berlin, halt ein …«. Insgesamt hat er ein packendes, eindringliches Buch voller anschaulicher Details geschrieben, das heute noch gelesen werden kann (siehe Bibliographie) und es auch wert ist, gelesen zu werden als Beitrag eines Exilschriftstellers zum opferreichen Widerstand gegen die Herrschaft des Nationalsozialismus.

Daß Paul Zech insgesamt doch nicht ganz vergessen ist, zeigt sich nicht nur an verschiedenen Nachdrucken und Neuausgaben dieses Romans (und anderer Schriften Zechs) in den letzten Jahren, sondern auch daran, daß der Senat von Berlin sein Grab (3. Städtischer Friedhof Schöneberg in Friedenau, Feld 23, 49-51), das er sich mit Sohn und Schwiegertochter teilt, nachdem die Urne mit seiner Asche 1971 von Buenos Aires dorthin überführt worden war, 1975 als Ehrengrab anerkannte und 2001 diese Anerkennung verlängerte. Damit ehrte man „seine Verdienste als Schriftsteller des Expressionismus, Dramaturg und Redakteur‟ (Mitteilung der Senatskanzlei).

Bibliographie
1980 Greifenverlag Rudolstadt, geb.
1981 Greifenverlag Rudolstadt, kart.
1981 Röderberg-Verlag Ffm., geb.
1984 Fischer Taschenbuch Verlag Ffm., TB
2018 Boer Verlag, Nachdruck von 1980, geb.
2018 MarsTT Verlag Wuppertal, online-Ressource (epub)
2019 Henricus Verlag Berlin, Großdruck, geb.
2021 Edition Calegius Berlin, eBook (Kindle)
Projekt Gutenberg, online

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