
„Gemeinschaft‟ Brandenburgische Straße 13, 1935-6
Das Haus Brandenburgische Straße 13 mit dem Sinnspruch „Gemeinschaft schafft / bei gleichem Ziel / aus wenig viel‟ entstand als Anhängsel eines Platzes, der seit den 1930er Jahren eine beachtliche Karriere machte.
Vor dem Ersten Weltkrieg, bei Eröffnung des U-Bahnhofs im Jahr 1913, war der Fehrbelliner Platz unbebautes Gelände, mit der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und den Anfängen des Preußenparks an seiner Peripherie; eigentlich eine Einladung an Boden- und Bauspekulanten, wie am Rüdesheimer Platz. Es kam aber der Krieg. Danach, in der Weimarer Republik, änderte sich an der Nutzung durch Kleingärtner und einen Sportverein bis zur Zeit des Nationalsozialismus weiterhin nichts. Dann begann der Aufstieg, zunächst* als Ort von Unternehmenszentralen. Eine war die Nordstern-Versicherung (schon lange im Axa-Konzern aufgegangen), die sich 1935/36 ihre nunmehr vierte Zentrale am Fehrbelliner Platz 2 errichen ließ (die dritte war das Nordsternhaus von 1913/14, gegenüber vom zeitgleichen Rathaus Schöneberg). Gleichzeitig ließ die Versicherung von Heinrich Straumer (bekannt als Architekt des Funkturms) eine Mietshausanlage bauen, die durch einen Torbogen mit der Unternehmenszentrale** verbunden ist und längs der Brandenburgischen Straße verläuft (und um die Ecke bis in die Sächsische Straße reicht), „wodurch die Anlage eine wichtige axiale Ergänzung der Platzrandbebauung darstellt‟ (so das Landesdenkmalamt). Der Sinnspruch befindet sich am Erker von Nr. 13.
Es geht das Gerücht, der Sinnspruch habe ursprünglich mit „Volksgemeinschaft‟ angefangen und sei nach 1945 durch Austausch einer der Natursteinplatten am Erker dem Geist der neuen Zeit angepaßt worden. Bei genauerer Betrachtung vor Ort kann man dies jedoch ausschließen. Der Sinnspruch bezieht sich offenbar allgemein auf die Grundidee der Versicherung: solidarisches Zusammenwirken für Zeiten der Not. Was dabei allerdings geflissentlich unterschlagen wird, ist die Tatsache, daß das ganz besonders der Versicherung selbst zugute kommt.
*1945 wurde der Platz zum Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht, ab 1953 zum Zentrum der Westberliner Verwaltung; seit den 1990er Jahren ist er einer der Hauptsitze der Verwaltung des Landes Berlin.
** Heutzutage ist in dem Gebäude ein Teil der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen untergebracht.
Im Haus nr. 2 war lange im Parterre die Bibliothek der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung untergebracht – mit den vielen Bänden der Reihe „Berlin und seine Bauten“. Bekannt?
Der Fehrbelliner Platz als ein wichtiges Zentrum von Verwaltung, Wirtschaft und Verkehr, aufgehängt an einem Wandspruch, den man erst durch diesen Artikel wirklich wahrnimmt, obwohl ich z.B. fast täglich daran vorbeigehe. Dank an Michael Roeder fürs genauere Hinschauen!
Rainer E. Klemke
berlinHistory.app
Eine allgemeine Anmerkung zum Thema Gemeinschaft. Passt zwar nicht so recht zum stadthistorischen Bericht, nimmt aber das Motto wörtlich.
Der letzte Satz in dieser Mitteilung lautet: „Der Sinnspruch bezieht sich offenbar allgemein auf die Grundidee der Versicherung: solidarisches Zusammenwirken für Zeiten der Not. Was dabei allerdings geflissentlich unterschlagen wird, ist die Tatsache, dass das ganz besonders der Versicherung selbst zugutekommt.“
Eine kleine Erweiterung von den (vielleicht nicht ausschließlich, jedoch deutlich zunehmend) kommerziellen Aspekten der Versicherung hin zu einer allgemeinen Solidarität innerhalb der Gesellschaft könnte unterstreichen, dass wir diese wertvolle Grundidee mehr unterstützen und selber leben sollten – zumindest im kleinen Umkreis kann das funktionieren.