Schule in der Nachkriegszeit

In diesem dritten Beitrag berichtet Helmut Meyer – nach „Leben im Luftschutzkeller“ und „Kriegsende“ – darüber, wie er als Zehnjähriger das erste Schuljahr nach dem Krieg erlebte.

Der Schulunterricht war im sechsten Kriegsjahr zum Erliegen gekommen. Nach der letzten wöchentlichen Vergabe von Hausaufgaben endete Anfang 1945 auch diese Form eines versuchten Schulunterrichts. Mit der bedingungslosen Kapitulation war Schluss mit den Bombenangriffen und den mörderischen Straßenkämpfen mit Panzer- und Artilleriegeschossen. Wir konnten ohne Sirenenalarm schlafen und mussten nicht mehr in den Luftschutzkeller. Es war Frieden. Ungewohnt das neue Leben ohne Todesängste.

Im Juli 1945 begann der Unterricht wieder. Die Schule am Gustav-Adolf-Platz hatte unter den Kriegseinwirkungen stark gelitten. Sie war als Unterkunft für Zwangsarbeiter genutzt worden. Außerdem hatten Plünderungen stattgefunden. Die Klassenräume waren spärlich möbliert, die Fenster nur teilweise verglast und ansonsten mit Pappe vernagelt. Fräulein Willigmann, unsere frühere Klassenlehrerin mit ihrem Ruf „Ruhe hier, wir sind doch nicht in einer Judenschule!“, der zackige Turnlehrer mit seinen Marschübungen zum Gesang „Es zittern die morschen Knochen, wenn alles in Scherben fällt“, der Erdkundelehrer mit der Europakarte der besiegten Länder und der Mann vom Luftschutzbund mit Blechhelm und einer englischen Stabbrandbombe – sie alle fehlten jetzt. Stattdessen kam ein alter Mann in die Klasse und sagte: „Ich bin euer Klassenlehrer“. Es war Herr Göritz.

Mit einigen meiner Gefährten aus der 3. Klasse war ich nun in der 4. Klasse. Nach und nach kamen weitere Schüler aus der Evakuierung dazu. Es fehlten aber Lehrer. Die Jüngeren von ihnen hatte der Krieg geschluckt. Die Nazi-Lehrer durften nicht mehr unterrichten. Von den Nazis aus dem Schuldienst entfernte ältere Lehrer wurden in die Schule zurückgeholt. So auch unser Klassenlehrer mit seinen über 70 Jahren. Er hatte als erfolgreicher Germanist in den zwanziger Jahren ein Rechtschreiblehrbuch der Deutschen Sprache verfasst. Einige Exemplare dieses Buches aus seinem Besitz waren jetzt unsere Lehrbücher.
Eine seiner Rechtschreibmethoden hat er mit Erfolg bei uns angewandt. Er begann den Unterricht jeden Tag damit, zehn Sätze zu diktieren. Dann tauschten die Banknachbarn ihre Blätter. Den fehlerfreien Text schrieb ein Schüler an die Tafel. Danach strichen wir die Fehler an, und das Blatt wurde zurückgetauscht. Die Fehlerquote wurde dann benotet. Dieses System war bei uns allen beliebt, und wir schrieben bald Texte mit weniger Fehlern.
Neben Deutsch, Lesen und Rechtschreiben erhielten wir Unterricht in Rechnen, Erdkunde, Naturkunde, Musik und Zeichnen. Den Lehrern standen keine Lehrmaterialien zur Verfügung, alle waren auf die eigene Improvisation angewiesen. Der Unterricht ging von Montag bis Sonnabend von 8 bis 13 Uhr.

Einige Schüler versäumten den Unterricht. Sie fuhren mit ihrer Mutter oder Angehörigen aufs Land „hamstern“. So hieß der Tauschhandel mit Waren aus gerettetem Besitz, um dafür von den Bauern Lebensmittel zu erhalten. Man gab Haushaltswäsche, Kleidung, Besteck, Porzellan und Süßstoff (Sacharin) gegen Nahrungsmittel. Es gab für diesen Tauschhandel keine Kurstabelle der Werte, man handelte es aus. Die eingetauschten Lebensmittel wurden oft durch die Polizei und sogenannte Volkskontrolleure den Hamsterern in den Zügen und auf den Bahnhöfen wieder abgenommen, um die Lebensmittel in Kinderheime und Krankenhäuser zu schaffen.

Die Zentralheizung war in den Wintern 1945/46 und 1946/47 außer Betrieb. Stattdessen standen eiserne Öfen in den Klassenräumen. Die Ofenrohre wurden über ein notdürftig mit einer Blechplatte verschlossenes Fenster ins Freie geführt. Heizmaterial organisierten die Schüler. Aus den Ruinen gesammeltes Holz und vom Güterbahnhof Westend, dem Rangierbahnhof der Kohlezüge, geklaute Kohlen waren unser Brennstoff. Zwei Schüler der Klasse, Hans Giselher und Heinz Kronberg, waren die fähigsten Heizer. Sie beheizten vor Unterrichtsbeginn den Ofen und hielten das Feuer während des Unterrichts in Gang.
Die glühende Ofenplatte wurde zum Rösten unserer trockenen Brotscheiben vor der großen Pause benutzt – eben eine Möglichkeit, das trockene Brot geschmacklich zu verbessern. Das machte auch unser Lehrer Herr Göritz mit seiner Frühstücksstulle. Doch Rudi Probst brachte eines Tages Siegellackperlen mit und legte sie auf die Ofenplatte. Herr Göritz sah es nicht und legte seine zwei Schnitten auf die verunreinigte Platte. Die Brotscheiben waren sofort ungenießbar. Unser – wie auch wir – stets hungriger Lehrer saß an seinem Tisch und brach darüber in Tränen aus. Es war für uns, die wir alle in den letzten Monaten viel Leid und Tod gesehen hatten, einer der schmerzvollsten Eindrücke.

Noch Mitte des Jahres 1945 wurde die Schulspeisung eingeführt. Neben der Schulmappe brachten wir alle ein ehemaliges Wehrmachtskochgeschirr mit. In der großen Pause gab es die Essensration. Völlig neue Suppenkreationen fanden unsere Begeisterung; dazu zählten Kekssuppe mit Erdbeeren oder Graupensuppe mit Rindfleischeinlage. Die Schulspeisung war in jedem Fall der Faktor, der ein Schulschwänzen in dieser Zeit auf wirklich zwingende Gründe reduzierte.
Die Schulspeisung brachte uns aus den Beständen der englischen Armeerationen kuriose Sachen. So gab es mal süße Trockenkartoffeln oder Teemischungen mit Zucker und Trockenmilch oder Schmelzkäse als Dosenration. Höhepunkte war jeden Monat eine Tafel Cadbury-Schokolade oder eine Schachtel mit Butterkeksen.

Schrittweise verbesserten sich die Lebensbedingungen. Wasser und elektrischer Strom, wenn auch nur stundenweise, kamen aus dem Netz. Der Schulunterricht wurde nach Plan durchgeführt. Wir gingen im Sportunterricht schwimmen in das wiedereröffnete Stadtbad in der Krummen Straße. Der Schulchor nahm erfolgreich am Chorwettbewerb der Berliner Schulen im Titania-Palast teil. Bei einem Aufsatzwettbewerb der Berliner Schulen zum Thema „Sei mutig, wahr und stark!“ kam mein Aufsatz über ein Erlebnis mit einem kriegsblinden Jungen bei der Wertung in die Spitzengruppe – ein besonderer Stolz für meinen neuen Junglehrer, Herrn Giesecke, der Herrn Göritz 1946 abgelöst hatte. Die Lehrerschaft hatte Verstärkung durch Junglehrer erhalten, die, oft noch in der Ausbildung, bereits einzelne Unterrichtsfächer übernahmen.

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